Ghibli

Ein fesselnder Thriller über Korruption und Verrat, Freundschaft und eine große Liebe, über Libyen und die Revolution.

Tripolis, Libyen, August 1968. Yasmin Arminian, eine junge Österreicherin mit libyschen Wurzeln, arbeitet als Geologin bei einer Erdölgesellschaft in Tripolis. In Libyen hofft sie die Wahrheit über ihre Herkunft aufzudecken. Sie macht sich auf eine schwierige Suche voller Gefahren.

Yasmin verliebt sich unsterblich in den faszinierenden, aber geheimnisvollen Alex Keetes. Sie findet neue Freundschaften, genießt Einladungen zu Picknicks am Meer, zu Dinnerpartys, die Ausflüge zu den römischen Ruinen, doch die wachsenden Hindernisse bei ihrer Suche lassen sie unvorsichtig werden. Sie ahnt nicht, dass sich im Hintergrund eine Revolution zusammenbraut, die wie eine Bombe in ihr Leben einschlagen und alles verändern wird.

Wird sie das Geheimnis um ihre Herkunft lüften können? Wer ist wirklich Alex Keetes?

Ein spannendes Buch über Fremdsein und Zugehörigkeit, Liebe, Freundschaft, über Intrigen und ein gefährliches Geheimnis.

Vorschau

Tripolis, Libyen, 1. September 1969

 Waren das Schüsse?

Draußen war es noch dunkel. Durch die Spalten der Holzläden drang der matte Schimmer der Straßenlaternen und ließ die Umrisse der Möbel im Zimmer vage erkennen. Yasmin knipste das Licht an und schaute auf den Wecker. Vier Uhr früh.

Wieder Schüsse. Jetzt war sie hellwach. Hastig schaltete sie das Licht aus. Zu hastig. Die Nachttischlampe wankte. Mit fahrigen Händen fing sie sie auf. Ein Buch fiel mit einem erschreckend lauten Klatsch auf den Fliesenboden.

Sie hielt einen Augenblick den Atem an. Draußen war es jetzt still.

Was war los? Was bedeuteten diese Schüsse? Sie holte tief Luft und schlich auf Zehenspitzen zum Fenster. Es war die Nacht zum 1. September, der Beginn der Jagdsaison –, wer ging hier, mitten in der Stadt, auf die Jagd?

Sie öffnete die Fensterläden einen kleinen Spalt und spähte hinunter auf den von den Laternen schwach erhellten Maidan Omar Toson. Ein paar Gestalten huschten über den Platz. Sie trugen Uniformen und Maschinengewehre. Einer hob seine Waffe und feuerte eine Salve gegen das Haus. Blitzschnell duckte sie sich. Beinahe wäre ihr ein Schrei entfahren. Ihre Knie zitterten. Instinktiv hielt sie den Atem an. Ihr Herz raste.

Sie kauerte sich an die Wand. Als es eine Weile still blieb, schob sie vorsichtig die Fensterläden zu und kroch auf allen vieren zum Bett zurück. Hier war sie hoffentlich vor den Kugeln sicher.

Auf wen schossen die Soldaten? Was hatte das zu bedeuten? Krieg? Eine Revolution? Gegen wen kämpften sie? Waren es libysche Soldaten? Oder Amerikaner? Vielleicht Engländer? Oder hatten die Ägypter Libyen überfallen?

Wieder Schüsse. Sie rollte aus dem Bett und legte sich vorsichtig auf den Boden. Das Bettlaken fiel mit ihr hinunter. Sie zog es sich über den Kopf.

Würden die Soldaten die Häuser stürmen? Die Familien ausrauben? Die Frauen vergewaltigen? Morden?

War sie hier in Sicherheit?

Sie kroch zur Wohnungstür. Ja, der eiserne Riegel war vorgeschoben, die Tür vierfach abgeschlossen. Sie spähte durch den Spion. Der Treppenabsatz lag im Dunkeln. Sie lauschte eine Weile an der Tür. Keine Schritte. Keine Stimmen. Stille.

Hoffentlich hatte jemand gestern Abend das Haustor abgeschlossen! Sie hatte ihre Nachbarn gebeten, darauf zu achten, dass nachts das große Tor geschlossen blieb, das bis vor kurzem tagsüber und auch nachts immer offen gestanden hatte.

Sie kehrte zurück in das Schlafzimmer. Wieder Schüsse unten auf dem Platz. Sie glitt zu Boden. Reglos lag sie auf den kühlen, harten Fliesen. Sie wagte es nicht, sich zu rühren. Die Angst kroch in ihr hoch, kalt wie die Fliesen unter ihr.

Draußen blieb es jetzt still. Keine Schüsse. Keine Befehle oder Zurufe der Soldaten. Sie blieb liegen und wartete. Neuerliche Schüsse. Sie wickelte sich in das Bettlaken und legte die Hände schützend über den Kopf.

Das graue Licht der Dämmerung drang schwach durch die Spalten der Fensterläden. Der Ruf zum Morgengebet eines Muezzins erklang von der nahegelegenen Moschee. Etwas leiser ein zweiter Muezzin, ein dritter wieder lauter. Wie lange lag sie schon da? Sie streckte sich – vorsichtig, um nur ja kein Geräusch zu machen, und kroch zurück zum Fenster. Millimeter um Millimeter öffnete sie die Fensterläden wieder einen winzigen Spalt. Halb in der Hocke spähte sie hinunter.

Zwei Soldaten standen auf der anderen Seite des Platzes, die Maschinengewehre schussbereit in der Hand. Um den übrigen Platz zu sehen, hätte sie die Fensterläden weiter öffnen müssen, dann hätten die beiden Soldaten sie entdeckt.

Plötzlich riss der kleinere der beiden das Maschinengewehr hoch und feuerte eine Salve gegen das Haus und hinauf in die Morgendämmerung. Sie schlug unwillkürlich die Fensterläden zu, während von oben Verputz und Mauerwerk herunterrieselten.